Jahr 10.047
Siebenundvierzig Jahre.
Für die meisten Menschen in Sol wäre das ein ganzes Leben gewesen -- früher zumindest, vor der biologischen Unsterblichkeit. Hier, auf dem unbenannten Planeten, fühlten sich siebenundvierzig Jahre an wie ein langer Atemzug.
Yuki kehrte von ihrer täglichen Wanderung zurück. Langpfote trottete neben ihr, die Zunge heraushängend. Der Hund war jetzt technisch gesehen 4.087 Jahre alt, aber er bewegte sich immer noch wie ein junger Welpe, wenn es um Spaziergänge ging.
Die Basis hatte sich erweitert. Was anfangs nur drei provisorische Module gewesen war, war jetzt eine richtige Siedlung -- halb vergraben in einem Hügel, getarnt durch einheimische Vegetation. Von oben unsichtbar. Von unten: ein Zuhause.
Yuki aktivierte das Hologramm im Hauptraum.
"Versammlung," sagte sie einfach.
Innerhalb von zehn Minuten waren alle zwölf anwesend.
Zhen saß in ihrem Lieblingssessel, Langpfote hatte den Kopf auf ihrem Schoß. Karim lehnte an der Wand, Arme verschränkt. Theo saß auf dem Boden, spielte mit einem Stock, den Langpfote ihm gebracht hatte. Die anderen -- Amara, Sven, und die sechs "stillen" Mitglieder der Crew -- verteilten sich im Raum.
"Ich habe sie beobachtet," begann Yuki. "Drei Generationen jetzt. Siebenundvierzig Jahre."
Sie projizierte die Aufnahmen.
Die Primaten -- sechsgliedrig, pelzig, mit großen goldenen Augen -- bewegten sich durch den Wald. Sie sammelten Früchte. Nutzten Steine, um Nüsse zu knacken. Kommunizierten mit komplexen Gesten und Lauten.
Aber da war mehr.
"Seht hier," Yuki zoomte auf eine Gruppe. "Sie bestatten ihre Toten. Mit Steinen. Und... seht ihr das?" Ein junges Wesen legte eine Blume auf den Steinhaufen. "Sie trauern."
Stille.
"Und hier." Nächstes Bild. "Sie malen. Mit Beeren. An Felsen. Abstrakte Muster. Keine Jagdszenen. Keine praktischen Darstellungen. Nur... Schönheit."
Theo lehnte sich vor. "Das ist bemerkenswert."
"Und hier," Yuki schluckte, "das ist von gestern."
Das Hologramm zeigte zwei junge Primaten. Sie saßen nebeneinander und schauten in den Nachthimmel. Einer zeigte auf einen Stern. Machte ein Geräusch. Der andere antwortete.
"Sie fragen sich," flüsterte Yuki, "was da draußen ist."
Zhen streichelte Langpfotes Kopf, ihre Augen auf die Projektion gerichtet.
"Sie stehen an der Schwelle," sagte sie leise. "Proto-Bewusstsein zu echtem Bewusstsein. Von Instinkt zu... Fragen."
"Wie lange?" fragte Karim.
"Natürliche Evolution?" Theo rechnete schnell. "Konservativ geschätzt? Zwei bis drei Millionen Jahre. Vielleicht schneller, wenn Umweltdruck steigt. Vielleicht nie, wenn die falschen Mutationen passieren."
"Oder," sagte Yuki leise, "wir könnten helfen."
Die Worte hingen in der Luft wie Rauch.
Amara war die Erste, die sprach: "Genetische Intervention?"
"Erhöhte Gehirnkapazität," Yuki nickte. "Verfeinerte Vokalapparate. Erweiterte Kindheit für längere Lernphasen. Feinmotorik in den Greifarmen. Aufrechter Gang auf zwei Beinen, freie Hände für Werkzeuge."
"Wir würden sie... erschaffen," sagte Sven langsam. "Bewusstsein erschaffen."
"Nein," widersprach Theo. "Wir würden beschleunigen, was bereits da ist. Die Potenz ist vorhanden. Wir würden nur... den Weg ebnen."
Karim stieß sich von der Wand ab. "Das ist Hybris. Götter spielen."
"Ist es?" Zhen sah ihn an. "Wer hat uns erschaffen? Evolution -- ein blinder Prozess. Zufall. Mutation. Selektion. Kein bewusster Designer." Sie hielt inne. "Oder vielleicht doch? Vielleicht sind wir selbst das Produkt einer älteren Zivilisation, die dasselbe tat?"
"Das ist Spekulation," sagte Karim.
"Alles ist Spekulation," entgegnete Zhen. "Aber hier ist, was ich weiß: Wir sind 847 Lichtjahre gereist. Wir haben 8.000 Jahre gelebt. Wir haben eine perfekte Zivilisation hinter uns gelassen, weil sie bedeutungslos wurde. Und jetzt stehen wir hier, vor Wesen, die kurz davor sind, die gleiche Frage zu stellen, die wir uns stellen: Warum?"
Sie sah in die Runde.
"Vielleicht ist das unsere Antwort. Nicht, dass wir Bewusstsein erschaffen. Sondern dass wir es weitergeben. Wie eine Flamme. Von einer Kerze zur nächsten."
Langpfote, der von all dem nichts verstanden hatte, stand auf und trottete zu Yuki. Legte den Kopf auf ihren Schoß.
Yuki lachte -- ein brüchiges Geräusch. "Sogar der Hund hat eine Meinung."
"Was sagt er?" fragte Theo.
"Dass wir zu viel denken," sagte Yuki und kraulte die Ohren. "Dass das Leben einfacher ist, als wir es machen."
"Der Hund ist ein Weiser," murmelte Zhen.
Die Debatte dauerte drei Tage.
Tag 1: Die Ethik
Karim argumentierte: "Wenn wir eingreifen, nehmen wir ihnen ihre Autonomie. Ihre natürliche Entwicklung. Wir machen sie zu... Produkten. Experimenten."
Yuki konterte: "Und wenn wir nicht eingreifen? Sie könnten aussterben. Ein Vulkan. Eine Seuche. Ein Meteoriteneinschlag. Natürliche Entwicklung ist nicht sanft. Sie ist brutal."
Sven: "Aber wir würden entscheiden, wer sie werden. Welche Eigenschaften. Welche Fähigkeiten. Das ist... Eugenik."
Theo: "Nein. Wir würden nur die Kapazität erhöhen. Was sie mit dieser Kapazität machen, entscheiden sie selbst. Freier Wille bleibt intakt."
Tag 2: Die Konsequenzen
Amara: "Und wenn es schiefgeht? Wenn wir Monster erschaffen?"
Zhen: "Dann sind wir verantwortlich. Dann müssen wir damit leben. Das ist der Preis."
Karim: "Können wir das tragen? Jahrtausendelang? Wenn sie leiden? Wenn sie sterben?"
Yuki, leise: "Eltern tragen das auch."
Stille.
Tag 3: Die Abstimmung
Zhen rief zur Abstimmung auf.
"Wir greifen ein. Wir erheben sie. Wir erschaffen... oder beschleunigen... Bewusstsein. Wer ist dafür?"
Langsam hoben sich Hände.
Yuki. Theo. Amara. Sven. Drei der stillen Crew-Mitglieder.
Sieben.
"Wer ist dagegen?"
Karim. Zwei der stillen Mitglieder.
Drei.
"Zwei Enthaltungen," stellte Zhen fest. Sie selbst hatte nicht abgestimmt. Und noch jemand.
"Großmutter," sagte Yuki sanft, "du musst auch abstimmen."
Zhen sah auf Langpfote hinunter. Der Hund schlief, den Kopf auf ihren Füßen.
"Ich schaue diesen Hund an," sagte sie schließlich, "und ich sehe ein Wesen, das nie gefragt hat, warum es existiert. Das einfach... ist. Glücklich. Präsent. Lebendig."
Sie hob den Blick.
"Und dann schaue ich uns an. Wir mit unseren tausenden von Jahren. Unseren Fragen. Unserem Leiden. Unserer Suche nach Bedeutung."
Pause.
"Ist Bewusstsein ein Geschenk? Oder eine Last?"
Niemand antwortete.
"Ich stimme," sagte Zhen leise, "mit Ja. Aber nicht, weil ich denke, dass wir ihnen etwas Gutes tun. Sondern weil ich denke, dass wir es tun müssen. Um zu verstehen, was wir selbst sind."
Die Entscheidung war gefallen: 8 zu 3.
Sie würden es tun.
Das Experiment beginnt
Die nächsten drei Jahre waren Vorbereitung.
Theo entwickelte die genetischen Modifikationen. Amara baute die medizinischen Einrichtungen. Karim -- trotz seiner Gegenstimme -- entwarf Sicherheitsprotokolle.
"Ich bin dagegen," sagte er zu Zhen, "aber wenn wir es tun, dann machen wir es richtig. Wir schulden ihnen das."
Yuki verbrachte die Zeit im Wald. Beobachtete. Wählte aus.
Fünfzig Individuen. Die gesündesten. Die neugierigsten. Die sozialsten.
"Wir nennen sie nicht Adam und Eva," sagte sie beim Abendessen.
"Warum nicht?" fragte Theo.
"Weil das impliziert, dass sie die Einzigen sind. Dass alles von ihnen abstammt. Aber das stimmt nicht. Sie sind... Erste unter Gleichen. Pioniere."
"Wie sollen wir sie dann nennen?"
Yuki lächelte. "Mit ihren Namen. Sobald sie welche haben."
Langpfote war bei allem dabei.
Er saß im Labor, während Theo Gene sequenzierte.
Er schlief in der medizinischen Bucht, während Amara Inkubatoren kalibrierte.
Er folgte Yuki in den Wald, saß still, während sie die Primaten beobachtete.
Eines Tages kam ein junges Wesen näher. Vorsichtig. Neugierig.
Es streckte eine Hand aus -- vier Finger, ein Daumen.
Langpfote schnüffelte.
Das Wesen berührte sein Fell.
Machte ein Geräusch. Irgendwo zwischen Erstaunen und Freude.
Yuki, versteckt hinter einem Baum, weinte.
"Sie sind bereit," flüsterte sie.
Jahr 10.050: Die erste Generation
In der medizinischen Bucht öffneten die ersten fünfzig Wesen die Augen.
Genetisch modifiziert. Gehirnkapazität verdoppelt. Lebensspanne: 80-100 Jahre.
Sie sahen aus wie die Waldprimaten. Aber anders. Aufrechter. Die Augen größer. Die Hände geschickter.
Das erste Wesen -- ein Weibchen -- setzte sich auf.
Sah Yuki an.
Öffnete den Mund.
"Ma...ma?"
Yukis Beine gaben nach.
Sie fiel auf die Knie.
"Wir haben keine Sprache eingepflanzt," flüsterte sie. "Keine Worte. Nur die Kapazität. Das bedeutet... sie hat..."
"Sie hat es selbst erschaffen," beendete Theo den Satz.
Das Wesen streckte eine Hand aus. Berührte Yukis Gesicht.
"Mama," sagte es wieder. Sicherer diesmal.
Langpfote, der in der Ecke gelegen hatte, stand auf. Trottete zu dem Wesen.
Das Wesen sah den Hund an.
"Weich," sagte es.
Und dann, nach einer Pause:
"Freund?"
Zhen stand im Türrahmen. Beobachtete.
"Was haben wir getan?" flüsterte Karim neben ihr.
Zhen sah ihn an. "Wir haben das Licht weitergegeben."
"Und wenn es sie verbrennt?"
"Dann," sagte Zhen leise, "lernen wir, mit der Hitze zu leben."