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Kapitel 6

Yukis Abschied

Jahr 14.500 - 14.700

Jahr 14.500

Eintausendfünfhundert Jahre seit der Offenbarung.

Viertausendvierhundertfünfzig Jahre seit der ersten Schöpfung.

Die Welt hatte sich wieder verwandelt.

Population: 89 Millionen. Technologie: Frühe Industrialisierung. Dampfmaschinen. Eisenbahnen. Telegrafie. Elektrizität in ersten Städten.

Die Guardians hatten geholfen. Geführt. Gelehrt.

Aber jetzt...

Jetzt waren sie müde.

Zhen saß in ihrem Zimmer in der Universität. 11.337 Jahre alt.

Sie starrte auf ihre Hände. Immer noch jung. Immer noch stark.

Aber innerlich? Leer.

"Ich habe genug gesehen," flüsterte sie zu niemanden. "Genug gelebt."

Langfote lag neben ihrem Stuhl. 8.537 Jahre alt. Sein Fell fast weiß. Seine Bewegungen kaum mehr als ein Kriechgang.

Aber er war noch hier.

"Du auch?" fragte Zhen den Hund. "Du auch müde?"

Langfote hob kurz den Kopf. Leckte ihre Hand. Legte sich wieder hin.

"Ich weiß," sagte Zhen. "Wir bleiben. Noch ein bisschen."

Die Versammlung

Die Familie traf sich – zum ersten Mal seit zwanzig Jahren alle zusammen.

Nicht in der Basis. In einem neutralen Ort. Ein Haus in den Bergen, das Karim gebaut hatte.

Zehn Menschen. Zwei waren bereits gegangen:

Einer der stillen Crew hatte vor zweihundert Jahren "Abschluss" gewählt. Seinen Bewusstseins-Upload gelöscht. "Ich bin fertig," hatte die Nachricht gelautet. "Danke für alles."

Ein anderer war bei einem Unfall gestorben. Ja, gestorben. Trotz aller Technologie – ein Steinschlag beim Bergsteigen. Niemand hatte es kommen sehen.

Die zehn Verbliebenen saßen im Kreis.

Langfote in der Mitte. Atmend. Ruhig. Der gemeinsame Anker.

"Warum sind wir hier?" begann Theo.

Zhen: "Weil wir eine Entscheidung treffen müssen. Bleiben oder gehen."

"Gehen wohin?" fragte Amara.

"Zurück zu Sol. Die Reise dauert 3.200 Jahre. Wenn wir jetzt starten, kommen wir im Jahr 17.700 an. Die Menschheit dort... wird unvorstellbar fortgeschritten sein."

"Oder ausgestorben," murmelte Karim.

"Oder das," nickte Zhen.

Sven: "Und wenn wir bleiben?"

"Dann," Yuki sprach zum ersten Mal, "werden wir zu Geistern. Beobachter einer Zivilisation, die uns nicht mehr braucht. Wir werden Museumsstücke."

"Sind wir das nicht schon?" fragte Theo.

Stille.

Amara brach sie: "Ich will gehen. Ich bin ehrlich. Ich habe genug. 5.987 Jahre auf diesem Planeten. Ich habe Städte aufsteigen sehen. Fallen sehen. Wieder aufsteigen. Ich habe... ich habe keine Energie mehr."

Theo: "Ich auch. Ich bleibe wegen der Vera. Aber wenn sie mich nicht mehr bräuchten... ich würde sofort gehen."

Karim: "Ich bleibe. Aus Schuld. Nicht aus Wahl. Ich habe das Torak-Volk erschaffen. Ich muss sehen, wohin sie gehen. Das ist meine Strafe."

Sven: "Strafe? Karim, es sind viertausend Jahre vergangen. Du darfst vergeben."

"Ich kann nicht," sagte Karim leise.

Yuki stand auf.

Alle sahen sie an.

"Ich habe eine Ankündigung," sagte sie. Ihre Stimme zitterte.

Langfote hob den Kopf. Sah sie an. Als wüsste er.

"Ich gehe nicht zurück zu Sol. Aber ich gehe auch nicht weiter als Guardian."

"Was dann?" fragte Sven, ihr Zwilling.

Yuki holte tief Luft.

"Ich werde sterblich."

Schock. Absolute Stille.

Dann, Sven: "Was?!"

"Ich werde biologisch. Ich lasse die Lebensverlängerung rückgängig machen. Ich gebe mir... zweihundert Jahre. Vielleicht zweihundertfünfzig. Dann... dann bin ich fertig."

"Du willst sterben?!" Sven stand auf, Panik in der Stimme.

"Ich will leben," korrigierte Yuki. "Wirklich leben. Mit einem Ende. Mit Bedeutung."

Theo: "Das ist Wahnsinn."

"Ist es das?" Yuki sah ihn an. "Keo lebte achtzig Jahre. Und in diesen achtzig Jahren... er lebte mehr als ich in achttausend. Weil jeder Tag zählte. Weil er wusste, dass sie begrenzt waren."

Zhen stand auf. Ging zu Yuki. Nahm ihre Hände.

"Du bist sicher?"

"Ja."

"Warum jetzt? Nach so langer Zeit?"

Yuki lächelte traurig. "Weil ich gerade gemerkt habe: Ich erinnere mich nicht mehr an Keos Gesicht. Nicht genau. Es ist verschwommen. Viertausend Jahre sind vergangen, und ich habe... ich habe vergessen."

Tränen liefen über ihr Gesicht.

"Ich will nicht vergessen. Ich will nicht so lange leben, dass alles Bedeutungslose wird. Ich will enden, während es noch wichtig ist."

Sven umarmte seine Schwester. Weinte.

"Du lässt mich allein."

"Nein," flüsterte Yuki. "Ich zeige dir nur einen anderen Weg. Du kannst ihn auch gehen. Irgendwann. Wenn du bereit bist."

Die Prozedur

Drei Monate später.

Die medizinische Bucht der Wanderer. Zum letzten Mal.

Yuki lag auf dem Tisch. Die Maschinen summten.

Die ganze Familie war da. Sogar die, die "gehen" wollten, blieben für das.

Theo erklärte: "Wir werden deine zellulare Reparatur deaktivieren. Deine Telomere verkürzen. Dein Altern wird natürlich ablaufen. Du hast vielleicht zweihundert Jahre. Vielleicht weniger. Es ist... unvorhersehbar."

"Gut," sagte Yuki. "Unvorhersehbar ist menschlich."

Langfote lag neben dem Tisch. Der alte Hund hatte sich geweigert zu gehen. Einfach hingelegt und geblieben.

Yuki streckte eine Hand aus. Berührte sein Fell.

"Du verstehst, oder? Alter Freund. Du hast schon immer verstanden."

Der Hund leckte ihre Hand.

Die Prozedur dauerte sechs Stunden.

Als Yuki aufwachte, fühlte sie sich... anders.

Nicht schwächer. Nur... echter.

"Wie lange?" fragte sie Theo.

"Basierend auf deiner Genetik und aktuellen Gesundheit... zweihundertzwölf Jahre. Plus minus zwanzig."

Yuki lachte. "Zweihundertzwölf. Das ist präzise für etwas Unvorhersehbares."

"Statistik," lächelte Theo.

Das neue Leben

Yuki zog in eine kleine Stadt auf den Inseln. Nicht dieselbe, wo Keo gelebt hatte. Eine neue.

Sie nannte sich nicht mehr Yuki. Nahm einen lokalen Namen: Mira.

Sie wurde Lehrerin. An einer Schule für Astronomie.

Niemand wusste, wer sie wirklich war. Nur: Eine ältere Frau mit viel Wissen.

Jahr 14.503:

Ein Student – ein junger Mann namens Joran – fragte sie nach der Offenbarung.

"Mira, du lebtest damals, richtig? Du warst da, als die Guardians sich zeigten?"

Yuki – Mira – lächelte. "Ja. Ich war da."

"Wie war es? Sie zu sehen?"

"Ehrfurchtgebietend. Aber auch... menschlich. Sie waren keine Götter. Sie waren nur... alt. Und müde."

"Glaubst du, sie bereuen es? Uns erschaffen zu haben?"

Mira dachte nach. "Ich glaube, sie bereuen die Fehler, die sie machten. Aber nicht die Schöpfung selbst. Liebe ist nie ein Fehler. Auch wenn sie schmerzt."

Langfote besuchte sie.

Einmal im Jahr. Wie durch Magie fand er sie.

Langsamer jetzt. Viel langsamer. Jeder Schritt eine Anstrengung.

Aber er kam.

Legte sich zu ihren Füßen. Atmete. Schwer. Aber zufrieden.

"Du solltest dich ausruhen," flüsterte Mira. "Alter Hund. Du hast genug gereist."

Langfote sah sie an. Diese trüben, alten Augen. Voller... etwas. Liebe? Verständnis? Einfach Präsenz.

"Ich weiß," sagte Mira. "Du bleibst, bis es Zeit ist."

Jahr 14.550 (50 Jahre später)

Mira war jetzt körperlich etwa fünfzig Jahre alt. Graue Strähnen im Haar. Falten um die Augen.

Sie liebte es.

Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel sah: "Ich werde alt. Ich werde echt."

Eines Tages kam ein Brief.

Von Zhen.

Liebe Yuki,

Ich schreibe, um dir zu sagen: Ich verstehe jetzt.

Ich habe dich für verrückt gehalten. Für selbstzerstörerisch.

Aber ich sehe dich leben. Wirklich leben. Jeden Tag mit Intensität.

Und ich beneide dich.

Vielleicht, eines Tages, folge ich dir.

Aber noch nicht. Ich habe noch eine Aufgabe.

Langfote zu begleiten. Bis zum Ende.

Er wird nicht mehr lange durchhalten. Du weißt das. Ich weiß das.

Aber er weigert sich zu gehen, solange ihr alle noch hier seid.

Er ist der Klebstoff, der uns zusammenhält.

Pass auf dich auf, alte Freundin.

- Zhen

Mira weinte beim Lesen.

Jahr 14.689 (189 Jahre nach Yukis Verwandlung)

Mira war jetzt körperlich hundertneunundachtzig.

Gebrechlich. Langsam. Aber glücklich.

Sie lebte in einem kleinen Haus am Meer. Allein, aber oft besucht. Studenten. Freunde. Familie – sie hatte Beziehungen aufgebaut, echt, tief.

Eines Morgens fand sie Langfote auf ihrer Veranda.

Er war nicht gegangen. Er war gekrochen.

Der Hund war jetzt 8.726 Jahre alt.

Sein Körper zitterte. Seine Beine konnten ihn kaum tragen.

Aber er war hier.

Mira brach in Tränen aus.

"Du dummer, wundervoller Hund. Warum bist du hergekommen? Du solltest dich ausruhen."

Langfote leckte ihre Hand. Schwach. Kaum mehr als ein Flüstern einer Geste.

Dann legte er sich hin. Zu ihren Füßen.

Atmete. Schwer. Rasseln in der Brust.

Mira rief die anderen.

Innerhalb von Stunden waren alle da:

Zhen. Karim. Theo. Amara. Sven. Die fünf verbliebenen stillen Crew-Mitglieder.

Sie versammelten sich um Langfote.

Der Hund, der bei allem dabei gewesen war.

Jede Schöpfung. Jeder Krieg. Jede Liebe. Jeder Tod.

Jetzt... an der Schwelle.

Die Regenbogenbrücke

Sie nahmen ihn mit zur Wanderer.

Ins Hauptzimmer. Wo alles begonnen hatte, vor 8.726 Jahren.

Legten ihn auf seine alte Decke. Dieselbe Decke, die er seit dem Start benutzt hatte.

Langfote atmete. Flach. Langsam.

Alle saßen im Kreis um ihn.

Theo ging als Erster.

Kniete. Streichelte das weiße Fell.

"Danke, alter Junge. Du hast mir beigebracht, dass Intelligenz ohne Liebe nichts bedeutet."

Langfote wedelte schwach mit dem Schwanz. Einmal.

Die fünf stillen Crew-Mitglieder.

Jeder kam. Sagte leise Worte. Privat. Persönlich.

Einer flüsterte: "Du warst der Beste von uns. Der Ehrlichste."

Amara.

Weinte offen. "Ich wünschte, ich hätte deine Einfachheit. Deine Klarheit. Du wusstest immer, was wichtig war: Bei denen zu sein, die man liebt."

Sven.

"Du warst bei meiner Schwester. Bei ihrer Hochzeit mit Keo. Bei ihrem Abschied von uns. Du warst... du warst ihre Konstante. Danke."

Mira – Yuki.

Sie konnte nicht sprechen. Konnte nur weinen.

Legte ihren Kopf neben Langfotes Kopf. Flüsterte in sein Ohr:

"Du hast mir gezeigt, wie man lebt. Einfach. Präsent. Liebend. Danke. Für alles."

Langfote leckte ihr Gesicht. Ein letztes Mal.

Karim.

Der starke Mann, der zusammenbrach.

"Ich habe so viel Schuld getragen. So viel Schmerz. Und du... du hast einfach neben mir gesessen. Jede Nacht. Jedes verdammte Mal. Du hast mich nicht verurteilt. Du hast mich nicht geheilt. Du warst einfach da."

Er schluchzte. "Das war genug. Das war mehr als genug."

Langfote wedelte. Schwach. Aber sicher.

Zhen.

Die Letzte.

11.526 Jahre alt. Älteste der Familie.

Sie kniete neben Langfote. Nahm seinen Kopf in ihre Hände.

"Alter Freund. Mein ältester Freund. Du und ich... wir haben alles gesehen. Alles."

Sie lächelte durch Tränen.

"Ich habe eine Frage gestellt, vor so langer Zeit: Ist Bewusstsein ein Geschenk oder eine Last?"

Pause.

"Du hast mir nie geantwortet. Weil du keine Worte hattest."

Sie küsste seinen Kopf.

"Aber du hast mir gezeigt. Durch einfach sein. Bewusstsein ist beides. Geschenk und Last. Aber es ist... es ist das Leben."

Langfote schloss die Augen.

Sein Atem wurde noch flacher.

Die Familie hielt sich an den Händen. Kreis um den Hund.

Zhen flüsterte: "Du kannst gehen, alter Freund. Du hast deine Arbeit gemacht. Du hast uns zusammengehalten. Du hast uns gezeigt, was Liebe bedeutet."

Langfotes Schwanz bewegte sich. Ein letztes Mal.

Ein finales Wedeln.

Dann: Stille.

Sein Atem hörte auf.

Niemand sprach.

Sie saßen einfach. Stunden.

Um den Hund, der 8.726 Jahre gelebt hatte.

Der stummer Zeuge der größten Geschichte war, die je erzählt wurde.

Die Beerdigung

Sie begruben Langfote nicht auf dem Planeten.

Sie begruben ihn im Raum.

Eine kleine Kapsel, angebracht an der Außenhülle der Wanderer.

"Er reist noch," sagte Zhen. "Für immer. Zwischen den Sternen."

Auf der Kapsel, eine Inschrift:

LANGFOTE

Begleiter. Freund. Zeuge.

5.000 Jahre bei uns.

Urteilte nie. Liebte immer.

Der Beste von uns.

Epilog

Jahr 14.700:

Mira – Yuki – starb friedlich im Schlaf.

Sie war zweihundertelf Jahre alt. Genau wie Theo vorhergesagt hatte.

Ihre letzten Worte, zu Sven: "Ich sehe Keo. Und Langfote. Sie warten."

Jahr 15.000:

Die Familie – jetzt nur noch acht – bestieg die Wanderer.

Sie kehrten zurück zu Sol.

Verließen den Planeten, den sie vor 5.000 Jahren erreicht hatten.

Hinterließen: Eine Bibliothek. Eine Geschichte. Eine Legende.

Und die Gewissheit, dass sie keine Götter waren.

Nur Gärtner.

Die lernten, dass der Garten schöner war als sie es je geplant hatten.

Zhen stand am Fenster, als der Planet schrumpfte.

"Auf Wiedersehen," flüsterte sie. "Auf Wiedersehen, Yuki. Auf Wiedersehen, Langfote. Auf Wiedersehen... allem."

Und dann, zum ersten Mal seit Jahrtausenden:

Sie lächelte.

Wirklich lächelte.

Weil sie wusste: Sie hatten etwas Echtes erschaffen.

Etwas, das sie überdauern würde.

Etwas, das es wert war.

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